Das SNF-Forschungsprojekt Modern Painting and the Lesbian Gaze: Queer Women Artists in Europe, 1900 – 1950 untersucht die Beiträge queerer Malerinnen an der Aushandlung bildlicher Bedeutungen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa ausgefochten wurden – einer Zeit, die sowohl in der Kunst als auch in Bezug auf Geschlechterpolitiken von tiefgreifenden Veränderungen geprägt war. Während die Literaturwissenschaften seit längerem die Geschichte lesbischer Autorinnen und Gemeinschaften erforschen, steckt die kunsthistorische Auseinandersetzung mit der Bedeutung künstlerischer Praktiken queerer Frauen noch an den Anfängen. Bisher hat die feministische Kunstgeschichte in Forschungen zu Werken, die zwischen 1900 und 1950 entstanden sind, nicht-heterosexuelle Sexualitäten und Begehren weitgehend übersehen, während die queere Kunstgeschichte dazu neigte, die Arbeiten schwuler Männer zu priorisieren. Vor diesem Hintergrund schlägt dieses Projekt das Konzept eines lesbian gaze als methodologische Provokation vor, um den männlichen und heterosexuellen Blick als dominanten Interpretationsrahmen für moderne Malerei zu hinterfragen.
Im Rahmen dieses Projekts wird der Begriff Frau nicht als statische, biologisch determinierte Kategorie angewandt, sondern in einer Weise, die einem Spektrum geschlechtlicher Erfahrungen Rechnung trägt, von denen manche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht öffentlich artikuliert und erkennbar waren. Der Oberbegriff queere Frauen bezieht sich auf Personen, die sich in dieser historischen Zeitspanne nicht durch heteronormative gesellschaftliche Konventionen eingrenzen liessen, sondern nicht-normative Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten lebten oder in Betracht zogen.
Das zentrale Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer queer-feministischen Kunstgeschichte der modernen Malerei, die Sexualität, Gender und Klasse in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellt. Dabei verfolgt das Projekt drei methodische Absichten: Erstens verbindet es feministische und queere Ansätze, um die künstlerischen Praktiken von Frauen innerhalb der queeren Kunstgeschichte neu zu verorten. Zweitens insistiert es auf intersektionale Perspektivierungen, die die Rolle von Klasse für queeres Leben und für die Bedingungen künstlerischer Produktion, thematische Anliegen und die Verbreitung sowie Rezeption von Kunstwerken in den Vordergrund rückt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei Bildgattungen, die als «untergeordnet» gelten, sowie Kunstwerken, die gemeinhin als «mittelmässig» abgetan werden. Drittens setzt das Projekt auf eingehende kunsthistorische Analysen, um aufzuzeigen, wie queere Künstlerinnen malerische Konventionen verhandelten, unterliefen oder sich neu aneigneten, und trägt damit zu einer dringend notwendigen Revision der Geschichte der modernen Malerei bei.
Projektleitung:
Prof. Dr. Charlotte Matter
Projektmitarbeiter*innen:
Antonia Kölbl, MA
Len Mettler, MA
Eli Ståhl, MA
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